Anders

Innovationen, Widerstände, Übergänge

Die digitale Guillotine

Als ich mal einen halben Tag lang die TODESSTRAFE gut fand

Als ich gestern die Schlagzeile las, dass wieder mal eine Hungersnot aufgrund von Dürren anstehen würde, fragte ich mich, ob sich an einer anderen Ursache für hohe Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt irgendetwas verändert hatte, seit ich mich das letzte Mal darum gekümmert hatte. Das war 2008.
Es geht um den Terminhandel mit Warenkontrakten. Wie sich herausstellte hatte sich nichts wirklich geändert. Diese Finanztransaktion ist nach wie vor Marktteilnehmern erlaubt, die in keinerlei Bezug zu den konkreten Warenströmen stehen – kurz: Spekulanten.

Die G20-Staaten hatten diesmal nicht total ignorant gegenüber diesem Thema, sondern lediglich zu spät reagiert. So zu spät, dass sie ihr Handeln mit Begrifflichkeiten der Superlative schmücken. Im Kern passiert wohl deswegen etwas, weil die letzte Hungersnot einer der letzten Tropfen war, die die nordafrikanischen Revolutionen auslöste. G20 macht also ein Rapid Response Forum, um diesmal den Finger draufzuhaben und nicht etwa um die Verteilungsungerechtigkeit zu beenden. Das Handeln wird weder “rapid” sein, noch eine wirkliche “response” auf das ursächliche Problem, aber darum soll es hier nicht gehen.

Ich kenne die Finanzbranche und insbesondere die Ecken, die das große Geld verwalten, durch persönliche Kontakte gut. Die Wirkung von spekulativen Termingeschäften auf die realen Warenmärkte hat intern noch nie jemand ernsthaft bestritten. Im Gegenteil, darin liegt ja der Reiz dieser Variation des immer gleichen perversen Spiels, um aus Geld noch mehr Geld zu machen ohne irgendeinen anderen Wert zu schaffen.

Aber es sterben Menschen, viele Menschen, und alle, die an diesem Spiel mitmachen, wissen das. Sie wissen es auf diese merkwürdige Art und Weise, mit der man im westlich-kapitalistischen System weiss, dass etwas irgendjemandem auf die Füsse fällt, nur eben irgendwo weit entfernt.

Ich dachte, da müsste man ansetzen, da ist der Hebel. Es muss etwas Persönliches und Unentrinnbares sein. Todesstrafe. Nix Knast. Nix Enteignung. Wer wissentlich und fortgesetzt mit dem Leben anderer Menschen spielt, muss gehen. Abgang. Quid pro Quo. Das würde dann einigen wirklich das Spiel vermiesen. Denn es ist ein Spiel für diese Personenkreise und diejenigen, die diese mit Geld versorgen. Für die anderen ist es oft tödlich.

In meiner üblichen Macho-Naivität warf ich also einen Tweet:

Nun, wenn es Zustimmung gab für diesen Tweet, so war sie schweigender Natur. Jetzt könnte man sagen: “eh, ist doch super, da haste mal einen schiefen Gedanken und deine erweiterte digitale Hood rückt dir sofort den Kopf gerade.” Klar, aber damit ist das ursprüngliche Problem nicht gelöst: Menschen, die über Tausende von Leichen gehen, weil sie mit den Grundnahrungsmittel der anderen spielen.

Es haben sich schon andere darüber professionell erregt (ohne diese Idee mit der Todesstrafe). Oxfam, Food Watch, Misereor und die ganze Reihe von NGOs, von denen man es erwarten kann. Die haben sich richtig Mühe gegeben in der Beweisführung, weil man dem Kapitalisten ja immer en detail nachweisen muss, dass eine Einschränkung des Marktes auf lange Sicht und überhaupt viel besser ist, als die Kräfte der unsichtbaren Hand wirken zu lassen. Es gibt also unteranderem eine 88seitige Studie (pdf).

Irgendwelche halblauten Pseudo-Bekenntnisse a la “Ja, okay wir lassen das….demnächst…ein wenig…bis nächstes Jahr” gab es dann von der ein oder anderen Bank. Die hatten nicht plötzlich irgendwelche Einsichten, sondern waren schlicht um ihr “Image” besorgt. Die Vorwürfe werden natürlich trotzdem weiterhin als absurd bezeichnet. Man kennt die Mechanismen: Es wird aus voll krass besorgter Eigeninitiative und mit gaanz viel Selbstverpflichtung hektisch herumgefächert wenn die Öffentlichkeit anfängt den Braten zu riechen, damit einem bloß keiner mit einem Gesetz oder gar Verboten in die Suppe spuckt. Wirklich ändern tut sich damit nichts.

Also doch Todesstrafe – das geht dann ans Eingemachte, da hilft kein Bonussystem, keine Karriereaussichten, keine PR. Wenn die letzte Glocke geläutet wird, wird auch der räudigste Hund geläutert (oder zieht wenigsten den Schwanz ein).
“Ja, aber das geht doch nicht. Grundgesetz! Menschenrechte!” Plötzlich fällt dies all denen ein, die nie fragen, warum ihr euro-subventionierter Weizen denn nur einen Bruchteil von dem kostet, was man auf den Märkten in Kairo und Djakarta zahlt, wo man nicht durch Lebensmittelsubventionen vor Weltmarktpreisen geschützt ist.
Plötzlich waren alle auf Twitter voll besorgt um das arme Banker-Menschenleben, welches da aus Strafe für sein massenmörderisches Handeln (“er wusste es doch nicht”) nun theoretisch in Jens nachmittaglichen Wahnvorstellungen zum Bock geführt werden würde.

Ich fühlte mich wie der ungezügelt nach Plebisziten hechelnde Pöbel, den Malte Lehming kürzlich im Cicero in für die Online-Ausgabe dieses Magazins üblicher Flachheit pseudo-analysierte, als er vor der Piratisierung Deutschland warnte und daran erinnerte, dass im Februar 1949 eine vom Krieg traumatisierte Bevölkerung mit 77% für die Todesstrafe votierte und uns die reifen Omis und Opis des Grundgesetzes davor bewahrten (paternalistisch aufoktroyierte Entscheidungen kommen immer schwellend zurück, solange sie nicht wirklich nachvollzogen und gemeinsam entschieden sind).
Zurück zu meinem Nachmittag in der Meinungshölle: Ich jetzt mittendrin im völkischen Delirium, verführt von dem Gedanken, die Angst vorm strafenden Sensenmann könne zur Einsicht in mehr Gerechtigkeit oder wenigstens schlicht zur Unterlassung massenmörderischer Spekulation führen. Scharen von grünhinterdenohrigen Jung-Anzugträgern, die ihren Vorgesetzten die Order-Zettel hinwerfen, weil sie für ein paar Weizenkontrakte nicht ihren Hals riskieren wollen.

“Nein” twittert es aus allen Ecken, nicht Todesstrafe, sondern Grundgesetz führe uns hier langfristig zum Ziel. Ausgerechnet wo die Gier die Vernunft bereits besiegt hat, soll also das Klopfen auf das Grundgesetz zu mehr Menschlichkeit führen. Ich verschwendete wegen diesem wenig reflektierten aber doch brav auswendiggelernten naiven Verfassungspatriotismus einen letzten Gedanken an die Todesstrafe. Die Todesstrafe verstanden als individuelle Atombombe. Ein Abschreckungsmittel par excellence. “Strafe einen richtig, erziehe Hunderte nachhaltig.” schrie der kleine Mao in mir.

“Fear leads to anger, anger leads to hate, hate leads to suffering.” ermahnte der ständig wache Yoda in mir sofort. Furcht also. Ich war auf die dunkle Seite gewechselt. Hatte den Glauben verloren, dass man mit Liebe (etc. pp.) den Menschen zu Einsicht und Gerechtigkeit bringen könne. Hatte gezweifelt, dass dies sterbende System des Spätkapitalismus rechtzeitig und ohne individual-tödlichen Druck eine Wende schafft hinzu einem neuen fröhlich-innovativen, gerecht-transparenten Markt.
Ich hatte die ängstliche Axt antworten lassen auf die massenmordende Arroganz des Spekulations-Zockers, der kein Interesse hat an der Organisation des tatsächlichen globalen Bedarfs. Den nicht interessiert, dass knapp eine Milliarde Menschen hungern, obwohl wir Nahrung für 12 Milliarden nach Angaben der FAO anbauen können. In einer Wut, die selbst Jean Zieglers “Aufstand des Gewissens” in den Schatten gestellt hatte, wollte ich wie ein vernunftsgesteuerter Rachegott den Tod unter den schwachen Geistern streuen.

Stattdessen sauste die twitternde Axt auf mich, im führenden deutschen Diskurs-Durchlauferhitzer wurde mein “Todesstrafe – Sollte man mal drüber nachdenken.” als ein Sündenfall betrachtet. Nix Advocatus Diaboli, ich war einfach der anti-humanistische Arsch. Manch Schlau-Versöhnlicher könnte jetzt einwenden, dass so ein 140Zeichen-Ding ja nicht wirklich für so ein Thema geeignet sei, aber erstens sind da doch einige schon diskurs-geübt und zweitens kann man ja auch mal zwei überlegte(!) replys schreiben. Wie dem auch sei, ein Humanismus mit der Axt des Henkers in der Hand ist nunmal tatsächlich in solch aufgeklärten Zeiten keine Option mehr. Selbst piratige Sith-Lords schauten mich düster aus der Ferne an.

Nun denn, ich werde also meiner Wut an die Kette legen. Werde brav davon sprechen, wie mit mehr Transparenz, auch gerne mal erzwungener Transparenz die Märkte humanisiert werden können. Wie mit “Mehr Daten für alle” auch mehr Wissen über die weltweiten Handelsrealitäten und damit automatisch mehr Gerechtigkeit Einzug hält, weil der Mensch ebenso ungern wie seinen ganzen Kopf auch schlicht das Gesicht verliert.
Werde minimale Strafen monetärer Natur als Erfolg ansehen, wohlwissend, dass hinter verschlossenen Mahagoni-Türen gegrinst wird über die Peanuts, mit denen man die Gutmenschis befriedigte. Wohlwissend, dass mindestens der gleiche Betrag simultan an Auftrags-Aufmerksamkeits-Profis rausgeht, damit so ein ‘Maleur’ nicht nochmal passiere. Wohlwissend, dass irgendein Kommunikationsstudent direkt aus dem Studium eingestellt wird, um zwei Jahre lang ein wenig Corporate Awareness Citizenship Tralala darüberzumalen.

Ich gestehe ein, zu einem Aufstand des Gewissen passt die Todesstrafe nicht. Ebenso wenig passt es dazu, einen Markt zu akzeptieren, der jeden Tag tausendfach ohne Gericht und ohne Urteil faktisch die Todestrafe vollzieht. Das sollte von uns allen nicht weiter geduldet werden.

Philosophische Quintessenz (für die, die tatsächlich noch ein paar Absätze lesen wollen.):

Das Böse ist der Preis der Freiheit. Die Angst vor der Freiheit des Anderen (und damit dessen Chance zur Herstellung komplexer kollektiver Schuld) ist Bestandteil meines eigenen Handelns aufgrund der gesellschaftlichen Verbundenheit. Somit ist der Wunsch zur Bestrafung des Anderen die schmerzliche Einsicht in die unfertige kollektive Vernunft.

Da das Böse aber nichts Dämonisches ist, sondern schlicht der Mangel an Vernunft, stellt sich am Ende der spätkapitalistischen Epoche die Frage, wie sich Spinozas “Nicht lachen, nicht jammern, nicht verwünschen, sondern verstehen.” mit neuem Leben füllen lässt, angesichts einer verlorenen Vernunft und einem merkwürdigen Modell des nur scheinbar rationalen Handelns, das sich dem Menschsein als Ziel entzogen hat, indem es sich dem Willen einer unendlichen Herrschaft, verkörpert durch das entkörperlichte Geld, unterwarf.

Marx nannte dies “Naturwüchsigkeit”, die Logik des Marktes ist eine blinde Gesetzmäßigkeit; obwohl sie keiner so will oder keiner wirklich beherrscht, entsteht aus dem Zusammenwirken ein Regelwerk, das nicht nur den Einzelnen von sich entfremdet, im Sinne der Vernunft, sondern auch die Gesellschaftsstruktur als Ganzes zu einem undurchdringlichen Mysterium werden lässt. Der Zorn über diese eigene wie kollektive Verlorenheit treibt merkwürdige Blüten des Bösen, wie es mein Turteln mit der Todesstrafe war.

Es ist nicht Zufall, dass gerade in dieser unserer Zeit von reaktionären Frontkämpfern wie Mosebach oder Matussek der Versuch unternommen wird, den negativen Freiheitsbegriff wieder mit vormodernen Moralregeln und übernatürlichen Gesetzgebern zu verknüpfen, um so den im kapitalistischen Gestrüb verhedderten Menschen scheinbaren Halt zu geben. Dabei sollten wir nach dem Licht hinausstreben, auch wenn das noch einige Dornenstiche bedeuten sollte.

Wir sollten in diesem Moment des Dramas der menschlichen Geschichte nicht eine alte Platte auflegen, sondern den Begriff der Freiheit, verstanden als fortwährende Entscheidung zwischen Gut und Böse, aufs Neue auf unser (kollektives) Selbst beziehen, um uns mit frischem Blick der partizipativen Verantwortung unseres universellem Selbst zu stellen.

Mit dem in die Geschichte eingebrochenen Internet als Werkzeug und Raum können wir uns optional, quasi mit einem Freilos, aus dem Gefängnis des naturwüchsigen Kapitalismus lösen. Es gilt nun diese Chance tatkräftig zu nutzen und auszubauen, um sich der unerklärlichen Tiefe der Welt mit einem Verständnis von digital erweiterter kollektiver Freiheit neu zu nähern.

Postscriptum:
Für alle, die durch meine gestrigen öffentlichen Gedankenspiele emotional aufgewühlt wurden, möchte ich mich hier in aller Form entschuldigen.

Postpostscriptum: Für alle, die nur einen der vielen Links anschauen wollen, sei die Salzburger Rede von Jean Ziegler empfohlen: Der Aufstand des Gewissens – Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.

18 Kommentare zu “Die digitale Guillotine

  1. monoweb
    14/08/2012

    Großartig!

  2. Karsten Wenzlaff
    14/08/2012

    Ich kehre mal zur Debatte zurück, nämlich ob und wie es möglich ist, mit Termingeschäften auf Nahrungsmittel eine Hungersnot zu erzeugen.

    Wie bei allen Finanzmarktinstrumenten ist es gar nicht so einfach, Spekulation und sinnvolle Nutzung zu trennen. Gerade bei Nahrungs-Derivaten gibt es ja sinnvolle Anwendungen, nicht umsonst gibt es seit mehr als 100 Jahren Börsen mit Termingeschäfte auf Nahrungsrohstoffe.

    Viele Hersteller von Nahrungsmittel, seien es Bio-Bauern, Bierbrauer, Schokoriegelhersteller oder Pizzabäcker, nutzen solche Termingeschäfte, um sich gegen die Schwankungen von Rohstoffpreisen abzusichern. Ich finde das erstmal legitim, wenn zum Beispiel ein Mais-Bauer sagt, dass er gerne seine Ernte zu einem festen Preis nächsten Jahr verkaufen möchte und deswegen ein entsprechendes Derivat kauft. Ich finde auch es auch legitim, wenn ein Hersteller von Popcorn Mais zu einem bestimmen Preis einkaufen will, um seine Produktion zu planen und deswegen ebenfalls ein Derivat kauft. Im Grunde genommen sind auch das aber schon Spekulation – man wettet ja auf den Preis eines Nahrungsmittels.

    Da Angebot und Nachfrage solcher Termingeschäfte in der Regel nicht Deckungsgleich sind, übernehmen Banken, Broker, Börsen und eine Reihe anderer Akteure den Handel. Das führt dazu, dass sie sowohl Leerverkäufe als auch Leerkäufe machen müssen – sie versprechen also, 100 Tonnen Mais im August 2013 zu kaufen oder zu verkaufen, ohne dass sie selber die 100 Tonnen Mais produzieren oder verwerten können. Auch das ist natürlich Spekulation, denn auch sie wetten im Kern auf den Preis eines Nahrungsmittels. Aber in meinen Augen größtenteils legitim, weil Banken, Broker und Börsen in unserer gesellschaftlichen Arbeitsteilung die Aufgabe übernehmen, Marktteilnehmer zusammenzubringen.

    Jetzt gibt es aber eine Reihe von Marktteilnehmern, die weder vermittelnde, noch produzierende, noch verwertende Funktionen in dieser Kette haben – Rohstofffonds, Hedge Fonds, Versicherungen usw. Sie alle wetten in der einen oder anderen Form, ob ein Nahrungsmittel teurer wird oder nicht.

    Jetzt gibt es da eine recht unangenehme Feedback-Schleife: wenn viele Marktteilnehmer glauben, dass der Preis von Mais zunehmen wird und entsprechende Termingeschäfte eingehen, dann wird er auch tatsächlich teurer – ganz unabhängig von tatsächlichem Angebot und Nachfrage. Das ist bei Nahrungsmittel deswegen so drastisch zu spüren, weil die Nahrungsmittelproduktion so langfristig orientiert ist (man muss in der Regel mehrere Monate im Voraus planen, was produziert wird).

    Für die Politik besteht da wirklich ein Dilemma. Es ist gar nicht so einfach, die guten Spekulanten von den bösen Spekulanten zu trennen. Insofern könnte Dein Politikmittel etwas unscharf sein, selbst wenn Dein rhetorisches Beil umso schärfer ist.

    • Jens
      15/08/2012

      Danke nochmal für die Erläuterungen zu den Ursprüngen und der Notwendigkeit des Terminhandels. Da ich diese Ausführungen dem eh schon langen Post nicht anhängen wollte, wies ich nur am Anfang darauf hin, dass ich mich auf rein spekulierende Marktteilnehmer beziehe, die keine Absicherungsgeschäfte o.ä. vornehmen.

      • hans
        15/08/2012

        >> dass ich mich auf rein spekulierende Marktteilnehmer beziehe

        Leider lässt sich diese Unterscheidung in der Praxis aber nicht scharf defininieren.

        Jede Investition ist eine Spekulation, das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

        Willkürlich eingreifende politische Funktionäre werden nicht durch direkt monetäres Gewinnstreben sondern durch Machtkalkül, Lobbies und populistische Bestrebungen und Einflüsse gelenkt. Dass dies zu besseren Ergebnissen führt als ein funktionierender (!) Markt konnte in der Praxis noch nicht beobachtet werden …

  3. ach Jens … auch wenn ich zugestehen möchte, dass du gut mit Worten jonglierst, so gut war dein Schauspiel nun auch wieder nicht.

  4. Karl Eduard
    15/08/2012

    Sehr, sehr viele Leute könnte man mit dem Tode bestrafen, für Handlungen, die zum Tode anderer Menschen führen. Allerdings würde dann eingeworfen, dann würde sich ja niemand mehr für eine politische Laufbahn als Volksvertreter entscheiden. Immer mit der Angst im Nacken. Und was würden wir ohne Volksvertreter tun? :)

  5. Sven
    15/08/2012

    Hallo, Jens, fantastischer Artikel! Direkt ausgedruckt und abgeheftet.

    Unser Freiheitsbegriff ist zu einem Individualitätsdiktat verkommen, das sich an Regalwänden von Supermärkten auszutoben hat. Wenn sich das nicht schnell ändert, dann wird die Rendite unserer Gier sehr düster ausfalllen.

    Todesstrafe ist, das ist glaube ich Konsens, keine Option. Aber vielleicht Zwangsarbeit in einem Kinderkrankenhaus in Adis Abeba.

    Jetzt mach ich mich erstmal daran, an der Wasserdichte meines theoretischen Unterbaus zu werkeln und deinen Artikel ein erneutes Mal zu lesen! Danke.

  6. Fritz (@Fritz)
    15/08/2012

    Die Forderung nach “Todesstrafe” ist immer faschistisch, und zwar strukturell faschistisch, weil ein Problem nicht politisch und in seiner Komplexität gelöst werden soll (das erscheint den faschistischen Gemütern immer zu schwierig bzw. sie überblicken es gar nicht), sondern eben über “Strafe”. Ich glaube dir ja, dass du weder Faschist bist noch eine Schreckensherrschaft installieren willst. Aber eben deswegen gibt dein Satz “Todesstrafe für Agrarspekulanten” nichts her. Es ist morlaisches Empfinden statt politisches Denken. Es ist hilflose Twitter-Wut. Wobei ich vor allem die Hilflosigkeit gegenüber dem “Gesamtzusammenhang” spüre.
    Gerade am Beispiel der vermaledeiten finanzorietierten Lebensmittelspekulanten kann man doch sehen, dass der Hunger in der Welt ein politisches Regelungsthema ist und verhältnismäßig wenig mit Preisspekulationen zu tun hat. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass sich am Hunger in der Welt gar nichts ändert, wenn man die Finanzspekulationen rund um die Agrarrohstoffe weltweit abschaffen würde, so dass also nur noch der Agrarmarkt mit sich selbst handelt. Abgesehen davon, dass die Preise für Agrarrohstoffe mehr als von allem anderem vom Wetter abhängen, hängt der Hunger mehr als von allem anderen mit politischen Bedingungen in den Hungerländern zusammen, mit einer zu schnell wachsenden Bevölkerungszahl (galoppierender Verlust an Agrar-Autarkie), mit industrieller Unterentwicklung, mit Versteppung durch Viehwirtschaft, auch mit Kreditbedingungen (z.B. bei den Bauern in Indien) und dem Verhalten von Agrarkonzernen, also von dem Verhalten “echter” Marktteilnehmer. Und sogar der wachsende Wohlstand in Asien spielt eine Rolle. Du kannst also jede Menge Höchststrafen verhängen, Vermögen einziehen, Köpfe abschlagen und sonstwie mit Gewaltsamkeit regieren – es würde an den wesentlichen Sachverhalten nichts ändern. Null. Und am Wetter schon gar nicht ;)

  7. Da die Formulierung “antihumanistisch”, auf die Du Dich hier beziehst, ein Tweet von mir war, habe ich Dir dazu eine priavte erläuternde Mail geschrieben.
    Ich bin aber auch der Ansicht, dass Du das Problem nicht ansatzweise durchdrungen hast, aber dafür doppelt so laut und empört auf die Pauke haust. Schon auf meine Frage nach Ursächlichkeit zwischen Handlung (Spekulation) und Folge (Tod) auch noch empört zu reagieren, ist zwar menschlich verständlich, aber angesichts einfachster strafrechtlicher Regeln, die jeder Depp kennen sollte, für mich nicht akzeptabel. Das ist das Schlimme daran: erst Todesstrafe fordern (erkennbar weder Witz noch Kunst!), dann auch noch ohne Ursächlichkeit und Schuld – das ist eine Rübe-Ab-Argumentation, die ich für unerträglich halte. Nun auch noch Dich mit der Headline zum Opfer zu stilisieren, indem Dich andere auf Twitter “guillotiniert” hätten, ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich das finde.

    • Jens
      15/08/2012

      Die Überschrift ist nicht so gemeint, wie du sie verstehst.
      Da meine den nötigen Diskurs über individuelle Verantwortung von Spekulanten und die angemessene gesellschaftliche Reaktion darauf gemachte Äußerung auf Twitter, also digital geäußert wurde, war es eine digitale Guillotine. Quasi ein digitales finales “Basta“ für die ganze Inkonsequenz des Handelns trotz besten Wissens.

  8. egghat
    15/08/2012

    Zwei Ergänzungen (ganz unabhängig von der Diskussion über die Todesstrafe), die erläutern sollen, dass das Thema nicht so einfach ist

    (dass die Spekulation irgendwie auch sinnvoll sein kann, wurde ja bereits von Karsten Wenzlaff beschrieben)

    a) Zu jedem Käufer gehört auch ein Verkäufer. Ich sage es mal anders herum: Wenn die Agrarpreise zu *niedrig* sind, leiden darunter auch Menschen, oft Bauern am Existenzminimum.

    b) Spekulationsgeschäfte sind per Definition Nullsummenspiele. Irgendwann wird die Position glatt gestellt. Dann ist die zusätzliche, den Preis treibende Nachfrage wieder aus dem Markt verschwunden. Ich will das nicht im Detail erklären, aber es läuft auf eines hinaus: Wenn Geld in den Markt strömt, hebt das den Preis. Aber eben nur dann in der Phase, in der Geld fließt. Nicht für immer und ewig. Und (jetzt kommt ein entscheidender Unterschied) das ist beim Verbrennen von Lebensmitteln in Autos (E5, E10, Biodiesel, Bioethanol) eben NICHT so. Das Zeug ist weg. In den USA gehen etwa die Hälfte des produzierten Maises dafür drauf. Auch in Deutschland liegen die Schätzungen bei 15-25% der landwirtschaftlichen Nutzfläche, auf der nur noch für Biosprit produziert wird. Ich wage die These, dass der Preis treibende Effekt durch Biosprit HÖHER ist als der von Spekulanten. Und fordere die Todesstrafe für alle, die E10 Sprit tanken.

    Discuss :-)

    • Jens
      16/08/2012

      Sowohl die Spekulation (trotz deiner Detailausführungen) als auch die Verwendung von Lebensmitteln als Treibstoff erhöht die Preise.
      Wie die FAO bereits festgestellt hat könnten Lebensmittel für zwölf Milliarden Menschen produziert werden. In der aktuellen Produktionsrealität ist die Verwendung von Biosprit hinsichtlich der Hungersnöte ein Faktor, den es ggf. temporär einzustellen gilt. Grundsätzlich ist der Einsatz für humane Mobilität aber kein Unsinn, da ja ein reales Bedürfnis damit nachhaltig befriedigt wird.

      Die Spekulation, wie Studien von UNCTAD bis Oxfam nun auch für diejenigen gezeigt haben, die das Offensichtliche gerne leugnen, ist strukturelles Morden aus Habgier. Die Spekulation dient keinen andren “Zweck“ als reiche Zocker einen perversen Kick zu geben. Eine Marktfunktion, die der Absicherung von Geschäftsrisiken von realen Warenkäufern und -Verkäufern diente, wurde vom kapitalistischen System zu einem Casino pervertiert. Dies ist, insbesondere wegen der dadurch hungernden Menschen, zu unterbinden. Es mag sein, das der einzelne Spekulationslakaie keine Schuld nachgewiesen wenn kann. Das liegt aber lediglich daran, dass strukturell das Messer vom Einzeltäter losgelöst wurde. Zur strukturellen Gewalt des Kapitalismus bitte bei Galtung et al. nachlesen.

      Mit Essen spielt man nicht, dass gilt auch für die anzugtragenden großen Rotzbengel des Kapitalismus.

      • Karsten Wenzlaff
        16/08/2012

        Aber Jens – die reale Guillotine ist bei Rohstoffspekulationen nicht besonders trennscharf.

        Man kann bei Finanzmarktinstrumenten wie Derivaten nicht gute und böse Termingeschäfte voneinander trennen, weil ja niemand die Motivation angeben muss, wenn er solche Termingeschäfte tätigt.

        Es gibt zum Beispiel Genossenschaften von Bauern, die ihre Einnahmen darin investieren, in Nahrungsmittelderivate zu investieren, um Einkommensausfälle zu kompensieren. Je nachdem, welche Position sie im Handel eingehen, kann es durchaus auch sein, dass auch sie die Preise im Handel nach oben bringen.

        Das heißt, die Lösung kann entweder nur sein, die Termingeschäfte komplett zu verbieten, was nicht möglich ist, weil sich dann diese Handelsgeschäfte von den Börsen hinweg zum OTC-Handel bewegt und damit überhaupt nicht mehr regulatorisch und fiskalisch fassen lässt. Oder eine Steuer auf die Termingeschäfte zu machen, welche den normalen Verbraucher relativ wenig tangiert, aber die hochvolumige Spekulation etwas teurer macht. Beides nicht gerade einfache Unterfangen.

  9. joerg stefan armbruster
    15/08/2012

    der weg in die welt der nachhaltigkeit führt über die revolution, keine frage. Allerdings erfordert der abschied vom humanismus noch ein deutlich stärkeres argument als derzeit verfügbar. JSA

  10. Fritz (@Fritz)
    16/08/2012

    @egghat Die Sache mit den Kontrahenten, die sich gegenseitig ausgleichen, hat lange Zeit gestimmt. Neuerdings gibt es aber “Long only”-Produkte, z.B. Rohstoff-Indizes, die offenbar preisstützend wirken, solange Anleger netto Geld investieren und nicht abziehen (dann umgekehrte Wirkung).

    “Goldman’s index perverted the symmetry of this system. The structure of the GSCI paid no heed to the centuries-old buy-sell/sell-buy patterns. This newfangled derivative product was ‘long only,’ which meant the product was constructed to buy commodities, and only buy. ”

    Das findet sich in einem etwas älteren Artikel bei “Foreign Policy”, der in diesem Zusammenhang generell sehr aufschlussreich ist: http://www.foreignpolicy.com/articles/2011/04/27/how_goldman_sachs_created_the_food_crisis
    Hatte ich damals einem Börsenbrief-Redakteur zugeschickt, der seitdem auf alle Agrarrohstoff-Empfehlungen verzichtet ;)

    • Jens
      16/08/2012

      Guter Artikel. Den hatte ich auch bereits oben verlinkt.

  11. Bruno Kramm
    18/08/2012

    Klasse Artikel

  12. Fritz (@Fritz)
    22/08/2012

    Noch’n Nachklapp:
    “Wie fatal sich fehlende Infrastruktur auswirken kann, zeigt das Beispiel Indien, wo in diesem Jahr Tausende Tonnen Weizen verrotteten, weil Lager und Transportmittel fehlten. Rund 30 Prozent der Ernte gingen in Schwellenländern auf dem Weg vom Erzeuger zum Abnehmer verloren…” Aus dem Bericht in der WiWo diese Woche über die internatinale Agrarwirtschaft. ( http://www.wiwo.de/finanzen/geldanlage/aktien-ueber-eine-erntesaison-hinaus/7011550-5.html )

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 14/08/2012 von in Widerstände, Wirtschaft.

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