Anders

Innovationen, Widerstände, Übergänge

Sind wir alle Idioten?

zur Debatte von Johnny Haeusslers “2013 – Das Web zurückerobern”

Der Berliner Philosoph Volker Gerhardt hat gerade einen überaus lesenswerten 500-Seiten-Schinken geschrieben, in dem er – stark verkürzt – die Öffentlichkeit als politisches Bewusstsein der Gesellschaft beschreibt.

“Jedes Denken und Sprechen setzt eine gemeinsame Welt voraus, auf die sich jedes Bewusstsein bezieht, wenn Denken und Sprechen überhaupt etwas bedeuten sollen”

Miteinander reden, Dinge entscheiden und dementsprechend handeln gestaltet Öffentlichkeit ebenso wie sie diese voraussetzt. Klingt so einfach, dass man sich fragt, warum hier einige so einen Huzzle machen. Nun, die Verfasstheit der Öffentlichkeit trägt wesentlich dazu bei, wie der Mensch die Chancen des gemeinsamen Gestaltens erfährt und lernt damit umzugehen. Ein Problem (das anfangs ein Vorteil ist) entsteht dadurch, dass der Mensch extrem anpassungsfähig ist.

Evolutionstechnisch gesehen eine super Sache, geht allerdings der Krug soziokulturell gesehen meist solange zum Brunnen, bis er bricht. In China ist dieses Brechen relativ einfach und dient deswegen auch immer als ein “echt total krasses” Gegenbeispiel zu dem Web, was “wir” haben:

In China da muss man jetzt seinen Ausweis vorlegen, wenn man online gehen will. Eh, stell’ dir mal vor, an jeder Haustür würde einer stehen und deinen Ausweis sehen wollen, wenn du auf die Strasse gehst (kennen wir aus Erzählungen aus D-Land von früher).

Da macht doch kein freier Mensch aus dem KonsumWesten mit. Voll krass negative aspect of life, ey. – Ein Top-Lobbyist von Facebook erinnert bei quasi jedem Auftritt daran, dass die Klarnamenpflicht gar kein Problem sei, weil – Achtung – Facebook ja nicht “das Web” sei. Ich komme darauf zurück.

Mal ein Beispiel: Angenommen du und deine voll freien Konsumfreunde wollten mal ein wenig Betroffenheit zeigen und deswegen – wegen den armen toten Arbeitern in Bangladesh und überhaupt – vor dem nächsten H&M-Laden aufschlagen. Null Problemo – guckst du Grundgesetz Artikel 8:

“Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln. “

Okay, kleine Einschränkung, es geht weiter mit:

“Für Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden.”

Der erfahrene Spontan-Aktivist hat das schon mal gehört, das war mal am Rande der Orga von Flashmobs ein Thema. Aber anyway, Demo ist also angemeldet, mit großen Schritten geht die amtlich zugelassene Meute gen H&M. Mit echt heftigen Plakaten und “voll angry, ey” werden wir ein Spalier auf der öffentlichen Strasse vor dem H&M bilden und dann mal heftig unseren ganzen ahnungslosen Konsumkollegen, die da einkaufen, Bescheid sagen. (Einer ist ganz schlau und verteilt gleich Flyer mit einem Gutscheinlink auf seine Etsy-Seite mit Selbstgestricktem)

Doch was ist das??? Der H&M liegt in einem Einkaufszentrum! Das ist kein öffentlicher Raum, der gehört einer Firma. Die haben da was, das heisst Hausrecht. Hausrecht schlägt Grundgesetz – hat was mit dieser Idee von Eigentum zu tun (zu kompliziert für jetzt) – Anyway. Der private Sicherheitsdienst sagt huschhusch und ein paar Verwegene stehen sich noch 10min die Füsse an der (absichtlich) voll zugigsten Stelle des Einkaufszentrums – nämlich vor dem Eingang – in den Bauch, gehen schnell noch zu Subway und dann frustriert heim.
“Denen werden wir es zeigen – Im Internet werden wir jetzt voll die Welle machen” – Ich will nicht zuviel verraten, aber daraus wird Pustekuchen.

Schon mal den Wandel der Fanpage auf Facebook über die letzten Jahre beobachtet? Nein, nein, nein, es geht ausnahmsweise mal nicht um Privacy und Datenschutz, aber um etwas mindestens genau so wichtiges.
Die Möglichkeit auf einer Fanpage als sagenwirmal kritischer Fan zu agieren, hat Facebook peu a peu an den Rand gedrängt – um genau zu sein in diese kleine Popel-Box rechts unter dem Titelbild und der Anzeige deiner Friends, denen wo da der H&M-Scheiss auch gefällt. Jaja, deine Meinung zählt, aber sie zahlt nichts, also Klappe.

Aber lösen wir uns von diesem traurigen H&M-Beispiel (hat H&M auch schon diese tolle $25000-Hashtag-Landingpage auf Twitter?) und fragen uns generell, was denn diese Idee von Öffentlichkeit im Web mit der Kommerzialisierung desselben zu tun hat.

Die Picki hat mal geschrieben (damals als noch nicht so viele über “Digitale Öffentlichkeit” diskutierten),dass das ganze Internet nicht öffentlicher Raum wäre, weil – und da hat sie recht – die gesamte physische und virtuelle Infrastruktur ja schliesslich privatwirtschaftlichen Firmen gehöre. Da machen die die Regeln. Außer man reguliert das. Regulieren – ein Wort jenseits des Wortschatzes eines durchschnittlichen Facebook-Users. (Hat ganz sicher was mit Kommunismus zu tun, weil man damit die Wirtschaft einschränkt.)

Infrastruktur, Internet. – Schon mal auf  der Strasse gefragt, was Netzneutralität ist? – Die meisten antworten dir, dass sie glauben, das hätte was mit Beachvolleyball zu tun. Aber den neuen Groupon-Gutschein auf Facebook einlösen, ja das können sie. Alle. Und da wir ja gerne jemandem die Schuld geben an dieser Stelle endlich die Frage: Who’s to blame? Who’s to blame?

Well, alle, niemand, du, ich, der Johnny von spreeblick und bestimmt auch der Malte Welding, obwohl der doch immer so tolle Texte in seinem selbstgehosteten Blog schreibt. Mit der Schuldfrage kommen wir also nicht weiter (weil wer will schon Malte andissen, puh?)

Bleiben wir konstruktiv. Öffentlichkeit muss sich nicht unbedingt daran festmachen, ob ein Raum in öffentlichem oder privatem Besitz ist. Die vielen Cafés und Salons vergangener (mindestens) Jahrhunderte zeigen, dass auch eine hübsche Kneipe ein Raum sein kann, wo wir als Öffentlichkeit stattfinden. Jeder Wirt (auch der Facebook-Wirt Mark Z.) weiss, dass die Leute nur solange Bier trinken, wie sie sich wohl fühlen. An dieser Stelle kommt jetzt diese vermaledeite menschliche Anpassungsfähigkeit negativ ins Spiel. Wer sich schon immer gefragt hat, warum in der Frage der Herrschaft über das Individuum der Kapitalismus gesiegt hat und nicht dieser andere Ismus, dem sei Bernays “Propaganda” empfohlen. Edward Bernays, das ist das Vater der Public Relation, mehr will ich an dieser Stelle heute nicht verraten.

Es gibt also die Strassen und die Plätze, diese originären Orte der Öffentlichkeit, dort wo Revolutionen (echte) stattfinden und wir uns in friedlichen Zeiten, ich sag es mal so deutlich, gegenseitig aushalten müssen.
Hier macht niemand Regeln außer wir als Gruppe selbst (im starrköpfigen D-Land dann häufig das BGH, weil die Hitzköpfe vorher keine Ruhe geben). Es gibt niedergeschriebene Gesetze, Verordnungen und Vorschriften und es gibt Ungeschriebenes – Höflichkeit, Achtsamkeit, Aufmerksamkeit – kurz Sitten (einige Religionsfanatiker wollen hier immer auch was aufschreiben, aber wir sind eine offene Gesellschaft, da wird ausdiskutiert, respektiert und geduldet).

Wie ist das im Netz? Die Netiquette: Im frühen Web verstanden als gemeinsam geflochtenes Band voller Perlen des Respektes, droht ihre metastasierende Version heute eine Art Sittenwächter-Rolle zu übernehmen (“Bitte diskutieren sie in diesem Thread NUR das von uns oben vorgegebene Thema, andere Beiträge werden ausgeblendet”). Die Telekom hat in einem offenen Prozess so eine Art Konsumenten-Netiquette formuliert.

Merkt ihr was? Unternehmen geben uns den Raum, in dem Regeln definiert werden. Unternehmen machen primär die Regeln für den Raum, in dem wir als Öffentlichkeit mittlerweile in weiten Teilen bequem unsere Online-Anker geworfen haben. Der Kampf um Privacy, Netzneutralität, Zensur ist ein Kampf gegen Unternehmen geworden, die unseren ureigensten Raum – den öffentlichen Raum mehr okkupiert haben, als es ihre gesellschaftliche Funktion (“Markt”) zulassen sollte.

Parag Khanna, ein Fellow der New America Foundation, hat in einem Buch mit dem wunderbar bescheidenen Titel “Wie man die Welt regiert” die Frage nach einer neuen Balance zwischen Bürgern, Wirtschaft und Staatswesen in einer vernetzten Welt neu gestellt. Seine Betrachtungen zur Legitimation, Wirksamkeit und Transparenz von Macht in einer komplexeren Welt sind unbequem. Nur weil etwas komplexer geworden ist, muss man nicht daran verzweifeln und es unbedacht anderen überlassen. Komplexität ist gut, wir als Menschheit wachsen daran. Es ist die Frage nach der Öffentlichkeit, die deswegen immer neu beantwortet werden muss, weil ständig Kräfte in und an uns arbeiten, die diesen Raum formen wollen.

Der Diskurs über die Öffentlichkeit als konstituierendes Element unserer Gemeinschaft, unseres gemeinsamen politischen Bewusstseins hat nicht mit dem Internet angefangen (Sorry, Nerds). Von Rosseau bis Popper (uvm.) wurde darüber geschrieben, Jahreszahlen wie 1848, 1968, 1989, 1789, 2001 stehen für Eruptionen in unserem Umgang mit Öffentlichkeit (und damit mit uns als “die jeweils Anderen”). Jesus und andere nach und vor ihm sind für einen anderen Umgang miteinander in den Tod gegangen. Im antiken Griechenland nannte man einen Bürger, der sich nicht um die Öffentlichkeit kümmerte einen Idiot – ganz wertfrei übersetzt bedeutet das: “jemand, der öffentlich nichts zu sagen hat und auch nicht teilnehmen will”

Lasst uns keine Idioten sein. Das freie Web ist ein lohnenswerter Landstrich, den es dafür lohnt zu schützen und auszubauen.

Ergänzung 31.12.12: Markus Spath ergänzt die Neuauflage des Spreeblick-Aufbruchs mit einer wichtigen kritischen Voraussetzung, die es zu beachten gilt, wenn aus dieser Welle mehr werden soll als “Ach, Anfang des Jahres hab ich richtig viel ins Web hineingbloggt, aber die Welt ist immer noch doof”:

“Das Problem mit solchen Texten ist leider, dass sie sich mit dem romantisierten Bild des edlen wilden Blogs begnügen und alle sind dannzwei Tage über sich selbst gerührt, aber die realen Verhältnisse (also die infoökonomischen produktions-, rezeptions-, und distributionsbedingungen und das gesamtsystem aller möglichen ströme – und funktionierende blogs sind im gesamtmilieu aller kommunikationen eher unwahrscheinliche blüten) ignorieren, womit man aber den Blogs keinen Gefallen tut, weil die Verhältnisse natürlich nicht verschwinden.”

11 Kommentare zu “Sind wir alle Idioten?

  1. Till Westermayer
    29/12/2012

    Das hier: “Die vielen Cafés und Salons vergangener (mindestens) Jahrhunderte zeigen, dass auch eine hübsche Kneipe ein Raum sein kann, wo wir als Öffentlichkeit stattfinden.” ist ein schöner Satz, und ungefähr solche Beispiele gingen mir auch durch den Kopf, als ich meinen oben als Teil des Geschreis verlinkten Text geschrieben habe. Was aber heißt denn das jetzt für das nie freie, freie Web, den Landstrich, den du schützen und ausbauen willst, der nicht existiert, nie existiert hat, aber diskursiv bitter notwendig ist? Ist Facebook als Teilöffentlichkeitsgenerator böse? Brauchen wir mehr Talkshows? Wo liegt der dicke Habermasband? Irgendwie hinterlässt der Text bei mir mehr Fragen als Antworten.

    • Jens Best
      29/12/2012

      Das mit dem Verlinken beim “Huzzle” war lieb gemeint. :)

      Es war auch ein wenig meine Absicht, also mehr Fragen aufzuwerfen als zu versuchen, Antworten zu geben. Gleich mit Antworten durch die Tür zu stürzen wird mir ja sonst immer vorgehalten. Ich dachte, ich gehe es mal langsam an und rege mal versuchsweise das Denken an ohne gleich Rezepte zu liefern – die ich natürlich habe ;)

  2. Pingback: Das Web zurückerobern | Tomatensuppe

  3. kulturplanet
    29/12/2012

    Wir sollten alle viel öfter in unsere Lieblingskneipen und Kaffeehäuser gehen… Immer, wenn es komplex wird, gibt es mehr Fragen als Antworten…

  4. Pingback: Blog-abfertigung » Blog Archiv » Holen wir uns unser gutes altes Internet zurück!

  5. Astrid Radtke
    30/12/2012

    Die Gedanken machen sich immer mehr und die Kombination aus sozialen Netzen – die immer noch einen Teil ansprechen kann und öffentlichen Caféhaus (Wien ganz speziell hat inzwischen auch Probleme damit) wird in den Socialbars verwirklicht.

    http://www.buerodienste-in.de/2012/07/socialbar-eine-regionale-schnittstelle-zum-internet/

    Social ist dort tatsächlich ernst gemeint – es geht nicht ums “Geschäfte machen”.

  6. Philip Engstrand
    30/12/2012

    Ich würde so gerne auch was inhaltliches Beitragen, ich finde aber keine gute Linie im Text.

    Deswegen: Prüf doch mal den ersten Link im 3. Absatz ‘einige’, der scheint ins Leere zu laufen (oder mein Brauser geht nicht),

    • Jens Best
      31/12/2012

      Inhaltlich sollte der Text einfach mal ein paar Gedanken zur (digitalen) Öffentlichkeit, zur Funktion von Öffentlichkeit und zur Bedrohung der Öffentlichkeit durch unausgewogene Einflussnahme wirtschaftlicher Gestaltungskräfte aneinanderreihen.

      Über die Notwendigkeit mehr und besser zu bloggen hatten ja bereits viele andere Blogs geschrieben, ich dachte ich zeichne mal größere Zusammenhänge leicht an. In 2013 gibt’s dazu normativ sowie konkret für Alltag und Politik noch mehr zu schreiben (und zu tun).

      DeadLink im 3. Absatz gefixt. Thanks.

  7. Pingback: Kommt gut ins neue Jahr « The Dead Cat Bounce

  8. Pingback: Netzstecker | slow media

  9. gsohn
    29/01/2013

    Reblogged this on Vernetzt Euch! und kommentierte:
    Beitrag von Jens Best passt gut zur zweiten Session des Blogger Camps über die AGB-Diktatoren.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29/12/2012 von in Übergänge.

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