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Innovationen, Widerstände, Übergänge

Ein Staubkorn namens Mensch – Antworten auf Antje Schrupps Fragen

“Wie hältst du’s mit der Religion?”  – Die Gretchenfrage hat Antje Schrupp Frankfurtern unterschiedlichster Religionen gestellt. Vor ein paar Monaten wurden die Gespräche in einem Leseband veröffentlicht. Religionsfreie, vulgo Atheisten, hat sie damals nicht gefragt. Das holt sie jetzt nach, indem sie auf ihrem Blog den erweiterten Gretchenfragenkatalog an Atheisten stellt.      Nachstehend meine Antworten:

1. Bezeichnet ihr euch aktiv als “Atheist_in”? Bei welchen Gelegenheiten?

Der Begriff “Atheist” wird von außen aufgezwungen. Einem jungen Menschen, der sich der Illusion und der Machtspiele der Religion bewusst wird, übernimmt ab und an aus der argumentativen Not in dieser Lebensphase diese Bezeichnung für sich. Mir ging das damals auch so.
A-theismus – also “ohne Gott, Gott verneinend, gottlos” – Das Wort allein zeigt an, wie stark die Religion ihre vorherrschende Existenz in die Gesellschaft getrieben hat. Selbst diejenigen, die religionsfrei sind, werden gezwungen, sich über das Fehlen eines Gottes zu definieren.

Wenn du jetzt fragst, wie ich mich in Kontexten, in denen es um Religion geht, selbst definiere: Ich bin religionsfrei. Es ist ein sich ständig weiter aufklärender Naturalismus. Meine Ethik und meine Moral, mein Wertebild und mein Handeln braucht keine überirdischen Übermalungen.

2.Wie seid ihr zum Atheismus gekommen? Habt Ihr euch aus eigener Initiative dazu entschieden oder haben euch andere dazu angeregt? Wer? War es eine bewusste Entscheidung zu einem bestimmten Zeitpunkt oder eher ein schleichender Prozess?

Der eigenständige Loslösungsprozess vom katholischen Glauben und der Weg in eine aufgeklärtere humanistische Lebensweise erfolgte sowohl mit in sich verlaufenden Übergängen also auch mit deutlichen Bruchmomenten. Ganz im Sinne von Picasso geht auch beim Loslösen von einer Religion ja oft ein Suchen, das von alten Dingen ausgeht und somit auch im Neuen nur das bereits Bekannte wiederfindet, dem Finden von offenen Wegen und unbekanntem Neuen voraus. Das Wagnis sich auf das Ungeborgene und Ungewisse einzulassen war für mich ein heiliges Abenteuer, bei dem der Glaube an einen allwissenden und allmächtigen Gott schlichtweg absurd erscheint, sobald man sich darauf einlässt.

Den drängenden Nietzsche las ich genauso wie ich in spannenden nächtelangen Küchensitzungen mit unserem Pfarrer den Streit über die Bibel und die christliche Realität führte. Erst die Wissenschaft und die Schriften der Aufklärung öffneten mir die Augen für einen genaueren, streitbaren aber auch friedlicheren Blick auf die Menschen.

3. Sind die Leute in eurem Bekannten-/Freund_innenkreis auch überwiegend atheistisch? Ist das ein Thema im privaten Kontakt?

Ich frage selten nach der Religion meines Mitbürgers. Wer es mir aufzwingt, über Religion zu reden, muss damit leben, dass ich sie kritisch hinterfrage, wenn es die Umstände erzwingen. Meine engen Freunde sind in der Mehrzahl säkulare Christen, Juden und Moslems. Ich frage nicht mehr so häufig wie früher, wie sie diesen Spagat hinbekommen.

Ich nehme aus Respekt für meine Freunde oder konkrete Mitmenschen im weiteren Umfeld an religiösen Riten teil, wenn ich dazu eingeladen werde. Riten sind kulturelle Momente der Gemeinsamkeit, als solche sind sie achtenswert. Sollte allerdings in ihrem Namen gegen die Aufklärung, die Menschenrechte oder den Humanismus Stimmung gemacht werden, ist meine Standpunkt klar.

4. Welche Rolle spielt bei eurem “Bekenntnis” zum Atheismus die Ablehnung bzw. die Kritik an den “real existierenden” Religionen?

Für meine persönliche emotionale (manche mögen es spirituelle) Arbeit an mir selbst brauche ich keinen negativen Rekurs auf Religion. Mein Verständnis von aktivem “Seelenfrieden” liegt nicht in der Kritik von Religiösen. (siehe hierzu auch Antwort zu 5.)

Ich kritisiere Machtverhältnisse. Religionen dienen gesellschaftlich der subtilen bis gewalttätigen Kontrolle von Massen. Die Legitimation hierfür ist humanistisch nicht zu begründen und damit für den aufgeklärten Menschen nicht akzeptabel. Der Sonderstatus der Religion muss peu a peu abgeschafft werden. Die Themen sind bekannt: Finanzierung durch den Staat, Sonderrechte in der Behandlung von Arbeitnehmern, Scharia als Rechtssystem, Gottesstaaten generell uvm.

Ich anerkenne die historische Rolle der Religion, leite daraus aber kein ewiges Existenzrecht ab. Religion existiert, solange Menschen diese Illusion als Stütze brauchen, um in ihrem gelebten Alltag zurechtzukommen. Dem Individuum ist sein Glaube nicht zu nehmen, die Ausführung religiöser Kulthandlungen ist problemlos, solange sie nicht gegen grundlegende Menschenrechte verstossen.

5. Würdet Ihr sagen, dass Ihr anstelle von “Gott” an etwas anderes “glaubt”? Woran? – Oder haltet Ihr das Konzept des “Glaubens” für prinzipiell problematisch? Warum?

Der Mensch, die Erde, das Weltall sind so unendlich schön und aufregend, dass ich nur den Blick heben muss, um mich in einem guten Grundgefühl wiederzufinden.
Ich anerkenne mein Staunen, das Geist und Körper erfüllt, indem ich mich der Tatsache, dass wir nie alles wissen werden (“ignorabimus”) hingebe.

Die Menschheit ist verbunden mit allem Lebenden und Nichtlebenden im Universum, steht aber nicht in dessen Zentrum. Die für das Bewusstsein unerträgliche Abwesenheit eines vorgegebenen Sinns ist eine der wichtigsten lebenslangen Prüfungen, die es gilt auszuhalten und, wenn möglich, positiv zu beantworten.

Carl Sagan schrieb einmal: “We are a way for the cosmos to know itself.” – Wir sind eine Methode, wie sich das Universum sich selbst (ein Stück) bewusst wird. Das Staubkorn Mensch kann und sollte mit dieser Herausforderung ebenso verantwortungsvoll wie spielerisch umgehen. Wir müssen uns vor niemandem außer uns selbst “beweisen”, aber wir sollten versuchen es solange wie möglich zu machen.
Das ist meine emotionale wie geistige Leistung, der ich mich regelmässig stelle. Diese Regelmässigkeit der Vergewisserung ist für mich so zentral wie es das Glaubensbekenntnis für den Religiösen ist.

Ob ich Glauben für prinzipiell problematisch halte, kann ich so beantworten: Glaube, hier nicht verstanden als Hoffnung, ist stark missbrauchsgefährdet und deswegen von mir als immer potentiell gefährlich eingestuft. Wobei die “Gefährlichkeit” variiert, inwieweit die Aufklärung der jeweiligen Religion bereits ihren Blutdurst nehmen konnte. Die Christen sind da gefühlt ein wenig weiter als die Moslems, wobei das auf individueller Ebene natürlich stark variiert.

6. Spielt das atheistisch-Sein in eurem Alltag eine Rolle? Beeinflusst das euer Handeln? Wann/wo zum Beispiel?

Ich liebäugele schon länger mit der Bright-Bewegung, die sich unteranderem zum Ziel gesetzt hat, säkulare Riten des Alltags zu pflegen, zu formen und auszugestalten. Bis jetzt habe ich meine persönlichen säkularen Riten nicht der Familie oder Freunden “aufgedrängt”. Ich bin mir aber bewusst, dass es einer kulturellen Ausgestaltung der gelebten Moral und Werte bedarf, um sie im gesellschaftsbildenden und -bindenden Alltag zu verhaften.

Das Böckenförde-Diktum, also dass eine offene Gesellschaft und der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann, teile ich in seiner Endgültigkeit nicht. Religionsgemeinschaften stellen eine große Quelle von sozialem Kapital dar, die uns im Alltag oftmals nicht auffällt. Das soziale Kapital der Arbeiterbewegung zeigt, dass auch aus säkularen Beweggründen eine nachhaltige Wohltätigkeit und Solidarität entstehen kann. Die starken emanzipatorischen Potentiale einer vernetzteren Gesellschaft, zeigen das Teilen und Empathie eine grundlegende Eigenschaft des Menschen ist, die auch ohne einen Gott funktioniert. Ich bin dort gerne ein Teil davon.

Ergänzend ist es bemerkenswert, dass wir die Arbeit der Kirchengemeinden als wichtig anerkennen, gleichzeitig aber viele hier die Augenbrauen zusammenziehen, wenn sie hören, wie Muslimische Bruderschaften bei sozialer Hilfe den Menschen den Glauben gleich mitvermitteln. Ich denke, dass die Schaffung Sozialen Kapitals jenseits einer Gottesmaschinerie eine der wichtigsten Leistungen ist, denen der Humanismus sich in diesem Jahrhundert stellen muss.

Wer jetzt mit mir diskutieren will, über den Sinn des Lebens jenseits der Zahl 42, kann dies in den Kommentaren tun. Wer allerdings Lust bekommen hat, die sechs Fragen von Antje Schrupp auch zu beantworten, der gehe geschwind rüber zu ihrem Blog.

5 Kommentare zu “Ein Staubkorn namens Mensch – Antworten auf Antje Schrupps Fragen

  1. muggs dolda
    31/12/2012

    Danke für die Anregung zum Nachdenken. Jetzt glaube ich zu wissen (O heiliges Wikipedia, bitt für uns…), dass ich ein empirischer Agnostiker bin. Und damit nicht im Focus von Frau Schrupp. Ich habe auch lange mit der Bright Bewegung sympathisiert. Aus beruflichen Gründen (Populärwissenschaftsjournalismus) habe ich jedoch gelegentlich Kontakt zu Astronomie und Astrophysik. Das lässt mich vermuten, dass eine rein naturalistisches Weltbild zu eingeschränkt ist. Schöne Wissenschaftliche Ideen wie das Boltzmann-Gehirn haben auch eine supernaturalistisch Komponente.

  2. Boehme, Elisju
    31/12/2012

    …es steht ja auch geschrieben, gesagt durch Jesus: “die Gesunden beduerfen des Arztes nicht”…

  3. Jeder Mensch glaubt etwas…das liegt an der Konstruktion des menschlichen Bewusstseins an sich. Der Glaube unserer wissenschaftlich geprägten Moderne liegt in der ihm eigenen Definition des Ursprungs von Leben und wie es sich entwickelt hat: Evolution. Dieser – ich nenne es den “Evolutions-Glauben” entspricht dem logischen Weltbild, das den “aufgeklärten?” Menschen von heute prägt. Dieser Glaube bietet ein paar mehr Antworten auf die drängenden spirituellen Fragen die uns alle interessieren, lässt aber noch viele blinde Flecken übrig. Selbst im evolutionären Glauben ist also noch Entwicklungsbedarf vorhanden. Man sollte übrigens nicht den Fehler machen und abschätzig auf Menschen anderer vermeintlich rückständiger Glaubensrichtungen blicken. Der erwähnte Machtmissbrauch und die Instrumentalisierung emotionaler und spiritueller Werte ist immer möglich und kann JEDEN treffen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 31/12/2012 von in Übergänge, Kultur, Religion, Wissenschaft.

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